2006

Dumm gelaufen?

Stellungnahme zum Artikel in "Unsere Familie" vom 5. Juli 2006 "Lehre und Erkenntnis: Das 6. Gebot"

Im Abschnitt "Das 6. Gebot – Verpflichtung zu heiligem Wandel" des oben genannten Artikels leiten die Verfasser ein (Zitat): "Vom 6. Gebot abgeleitet wird auch die Forderung nach gottgewolltem Umgang des Menschen mit der Sexualität." Es ergebe sich die Pflicht zu einem heiligen Lebenswandel.

In diesem Zusammenhang werden unterschiedliche Sachverhalte wie z.B. Prostitution und Promiskuität angesprochen. Unter anderem wird dort auch auf Homosexualität eingegangen (Zitat):

"Aufgrund der christlichen Tradition heißt die Neuapostolische Kirche praktizierte Homosexualität nicht gut. Homosexuelle Männer und Frauen werden aber in den Gemeinden nicht ausgegrenzt oder gar verurteilt; vielmehr stehen Amtsträger verständnisvoll zur Seite."

Wir halten es für erforderlich, den Lesern der Zeitschrift "Unsere Familie" folgende Erläuterung zu geben:

1. Die oben dargestellte Aussage zur Homosexualität entspricht in Teilen der Stellungnahme der Kirche zum sexuellen Verhalten vom Januar 2005.

2. Die oben dargestellte Formulierung berücksichtigt nicht den gegenwärtigen Erkenntnisstand der Kirche. In Gesprächen mit der Regenbogen-NAK sind den Vertretern der Kirchenleitung im "Gremium für besondere Angelegenheiten" Zusammenhänge und Missverständnisse bewusst geworden.

3. Die Äußerung der Kirche in diesem Artikel ist in sich nicht schlüssig und nicht geeignet, die Mitglieder der Kirche sachgerecht über Homosexualität zu informieren. Hier werden lediglich zwei Sätze aus früheren Stellungnahmen in einen Text eingefügt, ohne den notwendigen inneren Zusammenhang herzustellen.

4. Die Verfasser zeigen keine Alternative auf und geben homosexuellen Glaubensgeschwistern und solchen, die derzeit in der Coming-Out-Phase sind, keine Perspektive im Hinblick auf die Wirkung der Sündenvergebung, des würdigen Genusses des Heiligen Abendmahls bis hin zum Erreichen des Glaubenszieles.

Im Einzelnen ist anzumerken:

"Christliche Tradition" beinhaltet ganz bestimmt das permanente Forschen nach göttlicher Wahrheit und der Gestaltung eines "heiligen Lebenswandels". In Bezug auf Homosexualität ist diese christliche Tradition aber auch gekennzeichnet von irrtümlicher, ja falscher Schriftauslegung, von Verunglimpfung, Verfolgung, Qual, Tötung. Die "christliche Tradition" als Begründung für die Grundhaltung der Kirche zu verwenden ist nicht nur ungeeignet, weil zu allgemein und ohne Bezug auf eine konkrete Schriftstelle, ja sie ist insofern sogar schädlich für die Kirche.

Der Bezug auf die "christliche Tradition" dient auch als Begründung für die auch heute noch tagtäglich erlebte Ausgrenzung von homosexuellen Frauen und Männern innerhalb unserer Kirche. Was in dem hier in Rede stehenden Artikel nicht gesagt wird, kann man jedoch in der Stellungnahme der Kirche zum Sexualverhalten lesen (Zitat):

"Glaubensgeschwister, die Homosexualität praktizieren bzw. in einer homosexuellen Partnerschaft leben, können keine Amts- oder Lehrtätigkeit in der Kirche ausüben."

Deshalb ist der Hinweis in dem Artikel der "Unsere Familie", Homosexuelle würden "nicht ausgegrenzt oder gar verurteilt", schlicht unrichtig.

"Praktizierte Homosexualität" ist geradezu ein "Unwort". Wir haben uns von Anfang an gegen diese unsägliche Formulierung gewehrt ¬ denn sie lenkt den Blick einzig und allein auf das Sexuelle und begeht damit zugleich den gravierenden Fehler, Homosexualität nur als sexuelle Praktik zu verstehen.

Dies ist sachlich falsch: Homosexualität ist nicht eine Praktik sondern eine geschlechtliche Orientierung, beinhaltet somit auch Liebe, und ist eine fundamentale, für die betreffenden Menschen konstitutive Ausrichtung auf Menschen desselben Geschlechts. Indem die Kirche diese Tatsache fortgesetzt ignoriert und alle gleichgeschlechtlichen Partnerschaften nur unter dem Aspekt der Sexualität (siehe die Formulierung "Sexualverhalten") ansieht, wird sie den so lebenden Menschen in keiner Art und Weise gerecht.

Wir haben die Kirchenleitung zuletzt anlässlich unseres Treffens mit dem "Gremium für besondere Angelegenheiten" am 20. März 2006 auf diesen Sachzusammenhang aufmerksam gemacht. In einem gemeinsamen Kommuniqué findet sich folgende Feststellung (Zitat):

"Das GbA kann die Problematik erkennen und wird den Bezirksaposteln eine entsprechende Mitteilung machen. Schon sprachlich jedoch gibt es momentan keine vernünftige Lösung." (vgl. hier, Tz. 7)

Der letzte Satz lässt erkennen, dass die Kirche gegenwärtig nicht in der Lage ist, den gemeinten Sachverhalt zu formulieren. Gerade dieser Umstand hätte verhindern müssen, dass in dem Artikel "Das 6. Gebot" überhaupt auf Homosexualität eingegangen wird.

Wir stellen uns die Frage, ob innerhalb der kirchlichen Gremien die Kommunikation zuverlässig funktioniert. Ist da was "dumm gelaufen"? Zu unserem Schaden?

Ohne Frage üben sich die allermeisten, noch im kirchlichen Verbund verbliebenen homosexuellen Glaubensgeschwister in "heiligem Lebenswandel", entsprechend den Hinweisen des fraglichen Artikels. Nur dass sie eben gleichgeschlechtlich orientiert sind und so leben. Was wäre die Alternative? Was sollten sie tun? Etwa abstinent leben, wie dies in früheren kirchlichen Aussagen zu finden war und in der Zwischenzeit bewusst nicht mehr gefordert wird?

Zu der in diesem Artikel verwendeten Formulierung "... heißt die Neuapostolische Kirche nicht gut" möchten wir den Lesern zum besseren Verständnis den Sachzusammenhang darlegen:

Gemäß den uns gegebenen Erläuterungen durch das Gremium für besondere Angelegenheiten hat die Kirche in ihrer Stellungnahme zum Sexualverhalten jene Sachverhalte eindeutig als "Sünde" angesprochen, die in der Heiligen Schrift als solche eindeutig gekennzeichnet sind. Bei anderen Sachverhalten, wo ein eindeutiger Beleg aus der Heiligen Schrift nicht herzuleiten ist, wurde die "mildere" Formulierung "heißt nicht gut" gewählt.

So wurde auch bezüglich der homosexuellen Lebensweise formuliert. Daher ist die räumliche Nähe innerhalb des vorliegenden Artikels von Homosexualität zu Begriffen wie Prostitution und Promiskuität, die in dem oben erwähnten Papier eindeutig als Sünde bezeichnet werden, als irritierend und somit fahrlässig zu bezeichnen.

Dem unbefangenen Leser vermittelt die Formulierung "heißt nicht gut" entgegen der oben wiedergegebenen Erläuterung, dass die Kirche tatsächlich "praktizierte Homosexualität" als sündhaft betrachtet. Ausführungen zur "Schwere der Schuld" (vgl. "Stellungnahme der NAK zu bestimmten Fragen des Sexualverhaltens") fehlen für homosexuelle Glaubensgeschwister jedoch gänzlich. Dagegen finden sich aber differenzierende Ausführungen zur Ehescheidung, die ja nun unzweifelhaft Sünde ist (6. Gebot !), in denen die Kirche sehr einfühlsam Einzelschicksale betrachtet.

Die Glaubensgeschwister der Regenbogen-NAK bitten Sie, liebe Leser der Zeitschrift "Unsere Familie", um das rechte Verständnis des von uns angesprochenen Artikels. Es wäre fatal, wenn innerhalb der Familien und der Gemeinden wieder Diskussionen aufbrechen würden über des "sündhafte" Verhalten homosexueller Glaubensgeschwister und dabei aus dem Blick gerät, dass wir alle, auch die Heterosexuellen, Mühe haben vor dem Herrn zu bestehen. Offenheit, Toleranz, Beistand sollte unser christliches Leben bestimmen.

Wir haben inzwischen mit dem Gremium für besondere Angelegenheiten (Mitglieder: Bezirksapostel Klingler und Wend, Apostel Opdenplatz, Bezirksevangelist Johanning), Kontakt aufgenommen.

Bitte beachten Sie auch den Gastbeitrag zu diesem Thema auf unserer Website.


Achtung: Neue Kontoverbindung!

Regenbogen-NAK

Volksbank Ruhr Mitte eG

IBAN: DE74 4226 0001 0508 7598 00

BIC: GENODEM1GBU

Interesse, die Regenbogen-NAK zu unterstützen?

Helfer-Fragebogen ausfüllen

Info für Eltern: