Coming-Out-Berichte

Heiner

Comming-Out mit ca. 30

Ich hatte mein Coming-Out erst sehr spät, d.h. mit ca. 29, 30 Jahren. Ich war in dieser Zeit sehr depressiv. War erst vor kurzem von zu Hause ausgezogen, hatte mich also noch nicht richtig von meiner Mutter abgenabelt. Wenn ich heute so zurückdenke, war da schon immer ein Sich-Hingezogen-Fühlen zu Männern, aber ich hätte das von mir aus nie eingestehen können.

Mit 21 Jahren hatte ich eine Freundin aus der Jugend. Aber es war quasi nur ein platonisches Verhältnis. Wie es sich damals für einen neuapostolischen braven Jugendlichen gehörte, hatte man ja ohnehin keinen vorehelichen Sex zu haben. Also ergab es sich auch gar nicht, dass ich mit meiner Freundin hätte Sex haben können. Ich hatte in diese Richtung auch gar keine Ambitionen. Jungens gefielen mir einfach viel besser. Da hat es auch oft im Bauch gekribbelt, schon bei der Vorstellung, einfach mal einen hübschen knackigen Jungen aus der Jugend zu umarmen. Ja und noch mehr mit ihm zu haben – in der Phantasie waren solche Vorstellungen auf jeden Fall vorhanden. Nun, die Beziehung mit meiner Freundin ging nach wenigen Monaten zu Ende.

Dann folgte eine lange Zeit, in der ich schön brav als Diakon, Dirigent, Sänger, Orgelspieler in der Gemeinde mitwirkte. Ich war dann durch meine Berufsausbildung, dem anschließenden Beginn meiner Berufstätigkeit zusammen mit den kirchlichen Aktivitäten so beschäftigt, dass ich gar keine Zeit hatte, mir um meine sexuellen Bedürfnisse und einen eventuellen Wunsch nach einem anderen Menschen in meinem Leben Gedanken zu machen.

Wie gesagt, so mit 28, 29 Jahren bin ich dann von zu Hause ausgezogen, hatte mein Leben absolut nicht im Griff. Es machten sich immer häufiger schwermütige Gedanken in mir breit. Da musste doch noch irgendwas in meinem Leben sein, das mir wieder Freude und gute Gedanken brachte. Aber dem war nicht so. Irgendwann habe ich mich dem damaligen Bezirksältesten, Bezirksevangelisten und auch meinem damaligen Apostel anvertraut und ihnen von meinen Problemen, d.h. von meinen schwermütigen Gedanken und auch von meinen damals noch sehr vagen Neigungen (Jungen attraktiv finden, sich von ihnen angezogen fühlen usw.) erzählt. Na ja, man riet mir, mich doch von solchen Versuchungen fernzuhalten. Man versprach auch, für mich besonders zu beten. Eine Hilfe waren mir diese Gespräche damals jedoch nicht. Im Gegenteil, es ging seelisch, moralisch immer mehr bergab mit mir. Nach meinem Umzug wechselte ich auch die Gemeinde, im Diakonenamt wurde ich logischerweise nicht bestätigt, was mir aber damals auch lieber war. Na ja, Orgelspielen, im Chor mitsingen, ab und zu mal auch mitdirigieren, alles das ging auch in der neuen Gemeinde weiter. Aber ich war halt immer noch allein, depressiv, selten gut drauf. Da meine Depressionen sich auch auf meine Arbeitskraft auswirkten, musste irgend etwas geschehen.

Ich weiß eigentlich die Zeit nicht mehr, als ich ein besonderes Erlebnis vor meinem eigentlichen CO hatte, oder war dies etwa schon mein CO: Ich lebte schon in meiner eigenen Wohnung, als es mich eines abends irgendwie umtrieb. Ich bin weggegangen und – ich weiß wirklich nicht wie – es hat mich in das Schwulenviertel getrieben. Stimmt nicht: Von der Jugend her kannte ich einen Mann, der schon damals offen in seiner Gemeinde schwul gelebt hat. Mit ihm sind an einem Abend einige Freunde, Jungens wie Mädels und ich losgezogen, um in Schwulenlokale zu gehen. Diesen Mann kannte ich auch schon von einem Polterabend von Freunden, bei dem er und ich eingeladen waren. Er saß damals bei strahlendem Sonnenschein auf dem Balkon – mit nacktem Oberkörper!!!! Am liebsten hätte ich mich auf seinen Schoß gesetzt und mit ihm geknutscht. Getraut habe ich mich natürlich nicht. Als wir dann an jenem Abend weggegangen sind, hatte ich ein ganz starkes Verlangen, mit diesem damals so reizvollen Mann über meine Gefühle zu sprechen. Es ergab sich dann auch, dass er sich mit mir in einer Schwulendiskothek spät am Abend verabredet hat. Ich bin mit wackligen Knien und mehr als nervös dorthin gegangen. Das Objekt meines Verlangens war noch nicht da. So setzte ich mich erst einmal an die Bar und trank ein oder zwei Bier. Dann – ja dann kam er. Ich habe mich ihm dann auch ziemlich schnell offenbart. Ich fragte ihn, ob ich ihn küssen dürfte, was er sofort genehmigte. Das war vielleicht ein Erlebnis. Ich war wie elektrisiert. Er versprach mir, mich in seinen schwulen Freundeskreis einzuführen und mir so den Einstieg ins Schwulenleben zu ermöglichen. Nun, ich war noch nicht so weit, so dass ich den Kontakt zu diesem Freund unterbrach. Jedenfalls kannte ich also schon durch ihn etwas die Schwulenszene. Zurück also zu dem Abend, als es mich in einer sehr depressiven Phase ins Schwulenviertel trieb. Es war bestimmt schon gegen Mitternacht. Ich hab mich nirgendwo in ein Lokal reingehen getraut, wo ich ahnte, dass dort wohl Schwule verkehren. Plötzlich hat mich ein junger Mann angesprochen und er fragte mich, wohin ich wolle. Ich war ziemlich erregt, aber sehr zurückhaltend und schüchtern. Irgendwie hat dies der andere Mann gemerkt. Er fragte mich, ob ich noch mit ihm etwas trinken gehen wollte. Ich könnte dann auch bei ihm übernachten. Er würde zwar noch bei seinen Eltern wohnen, aber das würde nichts machen. Ich war innerlich hin- und hergerissen – sollte ich das Wagnis eingehen und endlich meinem damals noch unterdrücktem Drang nach Männern nachgeben? Oder sollte ich heimgehen und alles vergessen. Nein, ich musste einfach mit ihm mitgehen. Wir sind dann in eine winzig kleine Kneipe gegangen, ich habe diese trotz späterem intensiven Suchens dann nie mehr gefunden. Na ja, dort angekommen, habe ich mich erst einmal an die Bar gesetzt. Der junge Mann, der mich auf der Straße aufgelesen hatte, kannte offensichtlich in dieser Kneipe ein paar andere Leute und hat sich mit diesen erst einmal unterhalten. An der Bar saß ein junger Bursche neben mir auf einem Barhocker. Er hatte ein Netz-T-Shirt an. Irgendwie reizte er mich total. Ich hab so mein Weißbier vor mich hin getrunken. Er hat mich unentwegt angelächelt. Bin dann mit ihm ins Gespräch gekommen. Er meinte, wir würden uns von irgendwo her kennen, was aber nicht der Fall war. Es kam zu gegenseitigen Berührungen. Es hat in mir total gefunkt. Ich hatte den ganz starken Drang, mit diesem Burschen ins Bett zu gehen. Der andere, mit dem ich in die Kneipe kam, war für mich uninteressant geworden. Der an der Bar ist schließlich nach einem kurzen Abstecher auf der Toilette mit mir nach Hause gefahren. Ich hatte eine total klare Vorstellung von dem, was in dieser Nacht ablaufen sollte, obwohl ich über schwulen Sex eigentlich gar nichts wusste. Ich will nicht ins Detail gehen, aber die Nacht mit diesem Burschen – Franzi heißt er – war für mich der absolute Wahnsinn. Ich habe Dinge getan, die Franzi zu der Vermutung veranlassten, dass dies für mich nicht das erste mal gewesen sein kann. Es war aber tatsächlich so – bis auf ein paar pubertäre Erlebnisse mit dem Sohn einer Bekannten meiner Mutter und einem Schulkollegen sowie den oben genannten Erfahrungen und Begegnungen. D.h., das stimmt auch wieder nicht. In der pubertären Phase hatte ich auch Pettingerlebnisse mit einem quasi Stiefbruder von mir – dem jüngsten Sohn des damaligen Freundes meiner Mutter. Ich denke im nachhinein, dass mich diese Erlebnisse schon irgendwie stark geprägt haben, aber zu keinem Zeitpunkt damals war ich soweit, für mich selbst und nach außen hin zu sagen: "Ich bin schwul". Die Zeit war einfach noch nicht reif. Nun gut, der Franzi, der Mann, mit dem ich den ersten richtigen Sex hatte, hat mir am nächsten Morgen seine Telefonnummer hinterlassen und ich gab ihm meine.

Irgendwie hatte ich aber an dem bewussten Tag danach gemischte Gefühle zu durchleben. Auf der einen Seite stand das unglaubliche Erlebnis in mir: Ich habe es tatsächlich getan – mit einem Mann!!! Auf der anderes Seite plagte mich sozusagen das schlechte Gewissen, dass das doch nicht richtig sein kann. Irgendwie war ich auch feige. Jedenfalls habe ich den Zettel mit der Telefonnummer von Franzi weggeschmissen, so dass ich keine Möglichkeit mehr hatte, mich bei ihm zu melden. Er hat sich auch nie gerührt.

Es verging wieder einige Zeit, in der ich, wie oben geschildert, immer depressiver wurde. In der Kirche konnte und wollte ich mich nach den wenig hilfreichen bereits erwähnten Gesprächen an niemanden mehr wenden. In dem Betrieb, in dem ich arbeite, gab und gibt es noch die Einrichtung eines Sozialberaters. Diesem habe ich mich schließlich anvertraut. Der Sozialberater hat mir mit Sicherheit nicht eingeredet, ich sei schwul. Aber er war derjenige, der mich in meinem Selbstbewusstsein stärkte, mir Selbstvertrauen gab. Schließlich konnte ich eines Tages dazu stehen: Ich bin schwul. Der Sozialberater gab mir auch den Tipp, mich an ein schwules Kommunikationszentrum in meiner Stadt zu wenden, wo ich mit meinem CO weitere Hilfe und Unterstützung bekommen würde. Ich ging dort auch hin. Nach und nach bin ich dann immer öfter in der schwulen Szene weggegangen und habe Männer kennen gelernt und Erfahrungen gesammelt. In der Kirche habe ich von meinem neuen Leben damals noch nicht vielen Leuten erzählt. Meinen Freunden gegenüber und im Kreis meiner Familie und meiner Verwandten habe ich mich nach und nach geoutet. Ich habe Gott sei Dank eigentlich niemals schlechte Erfahrungen mit meinem CO gehabt. Wenn ich auch nicht immer auf Verständnis gestoßen bin, so wurde ich doch wenigstens mit meinem Schwulsein immer akzeptiert.

Mittlerweile wissen es in meiner jetzigen Gemeinde der Vorsteher, einige Brüder und Geschwister und der Bezirksevangelist, dass ich schwul bin. Ich trage noch immer das Diakonenamt, aber es ruht quasi. Irgendwann möchte ich auch mit meinem Apostel darüber sprechen, aber momentan habe ich dazu die Kraft noch nicht. In meiner Gemeinde wirke ich trotz meines Schwulseins im Chor als Sänger und Vizedirigent und auch als Orgelspieler mit.

Ich möchte alle, die noch vor Ihrem CO stehen, ermutigen: Redet über Eure Gefühle, mit wem auch immer. Traut Euch auch, Euch gegenüber Freunden und Verwandten zu outen. Sicher müssen hier und dort einige herbe Schläge eingesteckt werden, aber ich kann Euch aus der eigenen Erfahrung sagen, dass das Outen befreiend wirkt. Ich kann für mich sagen, dass ich nach meinem CO eigentlich erst zu leben angefangen habe. Ich wünsche uns allen, dass es bald möglich sein kann, sich sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kirche ohne Ängste und ohne Probleme als schwul oder lesbisch outen zu können, ja innerhalb der Gemeinde als aktives Mitglied, in der Familie in der rechten Liebe, in der Gesellschaft ohne Einschränkungen und Diskriminierungen leben zu können. Ich wünsche, dass es einfach bald als völlig normal gilt, schwul oder lesbisch zu sein, ja dass es einfach keine Rolle mehr spielt, in welche Richtung man sexuell orientiert ist.


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