Coming-Out-Berichte

Johanna

Ein Erfahrungsbericht, der die Isolation, Einsamkeit und Verzweiflung einerseits und die vielen kleinen und großen Hoffnungsschimmer und Hilfestellungen andererseits während des Coming-out beschreibt.

Eigentlich hätte ich es schon immer wissen müssen. Schon im Kindergarten. Ich weiß noch, wie ich meine Tante einmal fragte: "Du, Biggi? Kann ich die Desi später heiraten?" Es geriet in Vergessenheit bis ich irgendwann in der 7. Klasse merkte, dass ich mich in meine Nachbarin und beste Freundin Cindy verliebt hatte. Zuerst wollte ich es nicht wahr haben.

Liegt an der Pubertät! Wahrscheinlich ist das gar keine richtige Liebe! Wir sind doch beste Freundinnen, da hat man sich eben gern...

So schob ich das alles in die letzte Ecke meines Gedächtnisses. Aber die Gedanken kamen immer wieder zurück und ließen mir keine Ruhe. Ich wollte mit Cindy reden, doch traute mich nicht. Erst recht nicht, als sie mir einmal sagte: "Ich glaube, ich bin nicht lesbisch". Ganz vorsichtig und verunsichert kam sie mir vor. Wie ich. "Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, ich bin´s auch nicht", antwortete ich ihr und im nächsten Moment durchzog mich ein undefinierbarer Schmerz. Ich habe ihn verdrängt mit der Begründung und stillen Hoffnung, doch "normal" zu sein.

Während wir zusammen waren, dachte ich nicht daran, etwas "falsches" zu tun, sie nicht lieben zu dürfen, doch wenn ich alleine war, fing ich an zu zweifeln.

Stimmt etwas nicht mit mir? Bin ich nicht "normal"? Ist "es" Sünde?

Ein Gefühl, als wäre ich die Einzige auf der Welt, der es so geht und die inneren Konflikte kamen immer öfter auf und verunsicherten mich immer mehr. Selbsthass war die Folge. Im Bett liegen und ins Kissen heulen. Sich niemandem anvertrauen können.

Lieber Gott, warum? Hilf mir doch! Ich will nicht "so" sein! Das darf nicht sein, ich bin doch ein Gotteskind!

Irgendwann war ich dann bereit, es auch meinen beiden Mädels aus unserer Clique anzuvertrauen. "Mann kann nichts dafür, in wen man sich verliebt!", sagte mir Line. Ich war so erleichtert danach, auch wenn ich mich noch eine Weile nicht getraute, ihnen in die Augen zu sehen.

In der 8. Klasse fuhren wir nach Konstanz, in ein Schullandheim. Ich teilte mir mein Zimmer mit meiner Clique, die neben Cindy und Line noch aus Cya bestand.

Eines Abends nahm mich Cindy in unserem Zimmer bei den Händen und sagte halblaut: "Ich liebe dich!" Dieser warme Blick, aus den schönsten, grünen Augen! Ich wünschte mir, die Zeit würde stehen bleiben. Line und Cya freuten sich sehr für uns.

Doch als ich noch in derselben Woche auf den Flur trat, entdeckte ich dort Cindy auf dem Schoß eines Mitschülers. Freudestrahlend winkte sie mir zu und rief: "Hallo, Johanna! Ich glaube, ich bin doch bi", als wäre es das Normalste auf der Welt. Trocken brachte ich ein "Aha!" hervor und eilte den Flur entlang, der mir noch nie so lang vorgekommen war. Ich verschanzte mich hinter der Hausecke und sackte weinend zusammen. Cindy benahm sich nicht anders als sonst. Ich grenzte mich jedoch radikal von ihr ab und auch Cya und Line, die mich allzeit aufzumuntern versuchten, reagierten auf Cindys Frage, was denn los sei mit einem gereizten: "Das kannst du dir ja wohl denken!" Keine Ahnung, ob sie das tatsächlich nicht konnte, oder ob sie nur so tat. Die restlichen Tage im Schullandheim verbrachte ich mit meinen beiden Freundinnen oft auf dem nahe gelegenen Friedhof und möglicht weit weg von Cindy.

In der Schule setze ich mich unverzüglich von ihr weg. Cya und Line glaubten mir noch lange nicht, dass ich nicht mehr in Cindy verliebt war, während ich vermutete bisexuell zu sein, was mich ein wenig erleichterte. Bi sein ist doch nicht schlimm. Nur über die Homosexuellen wird immer hergezogen. Ich muss ja nicht mit einem Mädchen zusammen sein. Ist doch okay, lieber Gott?! Es gab mir ein wenig mehr Sicherheit.

Aber irgendwann machte es "Klick" und ich gestand mir endlich selbst ein "Ich bin lesbisch!" Endlich hatte ich kapiert, dass mich der liebe Gott trotzdem genauso liebte wie jedes andere Gotteskind. Und falls es Sünde ist, wird er mir helfen, nicht in Versuchung zu geraten und er wird mir vergeben. Jeder hat ein Kreuz zu tragen und "das" ist wohl meines.

Auch meine beste Freundin, Angela, die ebenfalls neuapostolisch ist, weiß von meinem Lesbischsein. Auf sie ist wirklich immer Verlass! Sie war es, die mir immer Kraft gegeben hat, mich immer verstanden hat und bei der ich mich jederzeit ausheulen konnte. Angi besaß die Kunst, mir immer wieder klar zu machen, dass Gott mich liebt wie jeden anderen Menschen.

Eines Tages traute ich mich zum ersten Mal in ein Mädchentreff. Elf neugierige Blicke sahen mir entgegen. "Hallo!" Es herrschte eine angenehm entspannte Atmosphäre. Dort lernte ich auch Irma kenne, die mittlerweile eine gute Freundin ist. Ich glaube, ich hatte endlich gefunden, was ich so lange unbewusst gesucht hatte und das machte mich glücklich. Es ist schön zu wissen, dass man nicht alleine ist!

Doch wenn ich zu Hause war, fühlte ich mich immer bedrückter und versuchte die Realität und meine Träume zu vertauschen, indem ich lesbische Jugendbücher las und mich in den Briefwechsel mit meiner Brieffreundin, die auch mitten im Coming-Out steckte, flüchtete. Ich wollte nicht erkennen, dass man vor der Gegenwart einfach nicht flüchten kann, so sehr man es sich wünscht. Meine Angst an dem Jetzt zu ersticken wuchs unaufhaltsam weiter und Tagebucheinträge wie der folgende vom 4. September 2004 waren keine Seltenheit mehr:

"... Heute war R. da. Wir haben uns unter anderem auch über Homosexualität unterhalten. Seine Schwester ist lesbisch und er bezeichnet Lesben als männerfeindlich. Ist vielleicht seine Erfahrung, aber aus dem Gespräch, an dem sich auch mein Vater beteiligte, kamen immer mehr negative Dinge hervor. Erst hat es sich angefühlt, als würde ich binnen einer Sekunde schneeweiß anlaufen und später hätte ich heulend aufstehen können, mit dem Satz: "Toll, was ihr von mir haltet!" und davonrennen... Ich weiß nicht, wie lange ich noch schweigen muss und heterosexuelle Andeutungen zu machen habe, aber bestimmt länger, als ich bisher dachte. Irgendwie tut es einfach nur weh. Warum kann ich nicht einfach glücklich sein und gleichzeitig gegen den Strom schwimmen? Warum machen alle ein Drama daraus? Ich will hier weg! ... Warum kann ich nicht einfach offen sein? Dieses ewige Versteckspiel und Ausweichen bedrückt mich so wahnsinnig!!! Wie lange muss ich das noch aushalten? Wie lange kann ich das noch aushalten? ... Meine Oma denkt, Lesbischsein sei modern. Keiner hat eine Ahnung. Jeder, wirklich jeder, hat nur Vorurteile und falsche Vorstellungen von uns. ... Nur im Mädchentreff und in den Briefen an und von Sophie kann ich ehrlich sein, offen sein, glücklich sein, frei sein und werde verstanden. Ich würde alles dafür geben, meine ganze Familie verlassen, um diese Gefühle, die ich im Mädchentreff hatte, täglich zu fühlen ..."

An meinem 16. Geburtstag habe ich geweint. Nicht wie ein Wasserfall, aber ich habe geweint. Nicht noch ein Jahr! Ich will nicht mehr! Meiner Mutter war das ganz arg. Doch endlich hatte sie mal eine vage Ahnung davon, dass irgendetwas in mir vorging.

Jedoch folgt nach einem Ab immer ein Auf, im Leben. Dieses Auf waren die Mädels aus meiner Klasse. Ich fühlte mich dazu gedrängt, mich vor ihnen zu outen, da wir uns ja in derselben Kabine zum Sportunterricht umzogen. (Heute finde ich den Gedanken lächerlich, aber diese positive Erfahrung ist es Wert gewesen!) Keiner von ihnen hat es auch nur das Geringste ausgemacht. Im Gegenteil, sie fanden es ganz interessant und ganz natürlich. Auf mein Angebot, mich in der Dusche umzuziehen, reagierten sie, als ob ich sie für verrückt halten würde. "Ach was!" "Spinnst du?!" "Wegen mir net."

Natürlich breitete sich die Neuigkeit schnell in der ganzen Klasse aus und ein paar Idioten machten mich dumm an. "He, Johanna! Sind Frauen schön?" Dank Cya und Line konnte ich darüber stehen. Vor allem wegen Cya, die sich mittlerweile als Bisexuelle vor mir geoutet hatte.

Zu all dem kamen noch die immer näher rückenden Abschlussprüfungen und die damit verbundenen Matheprobleme hinzu. Ganz zu schweigen von meiner Fahrschulprüfung und von meiner eigenen Mutter wurde ich dann auch noch sehr enttäuscht. "Bei denen stimmt doch da oben was nicht!" Mama, ich gehöre auch zu "denen"! Könnt ihr euch vorstellen, was es für ein Gefühl ist, auf die Frage: "Vertraust du mir nicht?", seiner Mutter nicht mit Ja antworten zu können?

Und das Kreuz wurde noch schwerer. An einem Mittwochabend wurde am Ende des Jugendgottesdienstes ein Schreiben des Bezirksapostels über Sexualität vorgelesen. Dieser Brief wurde bei uns sehr falsch verstanden. Als wir aus der Kirche traten, konnte ich meine Tränen nicht halten. Angi und zwei weitere eingeweihte Jugendliche, gesellten sich zu mir. Eine von ihnen meinte: "Jetzt spinnen die total!" und eine andere wollte mich aufmuntern: "Das darfst du nicht so ernst nehmen, die haben nur keine Ahnung." Am nächsten Tag, in der Schule, sprach mich eine neuapostolische Mitschülerin darauf an. "Jetzt sind echt alle gegen euch". Das sagte sie ohne jede Spur von Mitleid, unbetont, einfach nur, wie einen Fakt und genauso wirkte es auch auf mich, wie ein Fakt. Auch mein Jugendleiter sprach mich an. "Du hast mir am Mittwochabend gar nicht gefallen!" (Ich hatte noch die ganze Rückfahrt geheult.) Er bot mir an, mit ihm über mein Problem zu sprechen, doch ich lehnte ab. Wie muss er sich gefühlt haben, als mein Seelsorger? Das setzte mir auch wieder zu.

Es war mir zuviel. Irgendwann begann ich mit dem Ritzen, das mir eine angenehme Gefühllosigkeit bescherte. Unser Älteste hatte sich für den kommenden Mittwochsgottesdienst angekündigt. Ich beschloss, mich ihm anzuvertrauen. Obwohl ich Angst vor diesem Tag hatte, konnte ich es nicht abwarten. Tausendmal versuchte ich mir zurechtzulegen, was ich sagen wollte und tausendmal scheiterten meine Versuche. Angela kam als moralischer Beistand mit. Als ich es endlich raus gebracht hatte, fühlte ich mich sehr erleichtert und frei. Es freute mich unsagbar, dass er ernsthaft versuchte, mich zu verstehen und sich in meine Lage zu versetzen. Der Älteste meinte, er würde für mich beten und möchte noch ein andermal mit mir reden, wenn er sich informiert und nachgedacht habe. Aber es sei besser, ich würde mit dem Outing vor meinen Eltern noch warten. Vorher solle ich den Vorsteher mit einbeziehen, denn er muss als Seelsorger neutral bleiben und könnte dadurch in dem Gespräch mit meinen Eltern sehr nützlich sein. Weiter meinte er noch, Homosexualität an sich sei keine Sünde, nur praktizierende Homosexualität. Anschließend sagte Angela zu mir, sie habe während dem Gespräch, einen starken Faden aus Gedanken gespürt, der uns drei verband. Mir ging es nicht anders. Das war ein Glaubenserlebnis!

Doch die selige Stimmung hielt nur überraschend kurz an. Schon am nächsten Tag, in der Schule, zogen Cya und ich uns gegenseitige immer tiefer, bei dem Versuch, der anderen zu helfen. Sie schrieb mit Bleistift "Depritisch" auf die Tischmitte. Von ihrer Mutter bekam sie immer Tabletten, um nicht depressiv zu sein, aber anscheinend halfen sie nicht. Natürlich sorgte ich mich sehr um sie, vor allem, als sie dann auch noch mit dem Ritzen begann.

Der zweite Gemeindebesuch unseres Ältesten rückte immer näher. Nun saßen wir auch nicht mehr so verkrampft da. Ganz vorsichtig deutete er noch mal an, dass es zwei verschiedene Versionen von Homosexualität gebe – die Neigung und die Veranlagung. Er wollte darauf hinaus, dass ich ja nicht endgültig "so" sein muss. Ich ging nicht darauf ein. Nett gemeint, aber wer weiß denn besser, was ich fühle, als ich selbst? Mathematik werde ich auch nicht plötzlich können oder eines Morgens als Linkshänder erwachen. Außerdem sah ich meine Homosexualität nicht mehr als Last an, sondern war sogar endlich stolz darauf und hätte es nicht mehr geändert, wenn ich die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Das nächste Ziel, das wir gemeinsam setzten, war meinen Jugendleiter und meinen Vorsteher zu unterrichten.

Prüfungsangst ergoss sich wie eine Flutwelle in meinem "Deprimeer" und schon die kleinste homofeindliche Andeutung des Radiomoderators reizte mich. Trotz allem beschloss ich, dem Ritzen von nun an zu widerstehen. Angi zuliebe. Ich zog mich in die Schreiberei von depressiven Gedichten und Balladen zurück, anstatt für den Schulabschluss zu büffeln. Meine Konzentration war schon lange verflogen und wollte einfach nicht wiederkehren. Dauernd versuchte ich mir vorzustellen, wie der Vorsteher und mein Jugendleiter wohl reagieren würden.

Der Tag des nächsten Outings stand bevor. Es war ein Sonntag, an dem unser Ältester einen Jugendgottesdienst hielt. Natürlich war ich an dem Morgen sehr, sehr aufgeregt. Hilf mir, lieber Vater! Ich schaff das nicht alleine! Und er half mir. Allein schon das Textwort spricht Bände: "Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasset uns freuen und fröhlich drinnen sein. Oh, Herr, hilf! Oh, Herr, lass wohl gelingen!" Ein Glaubenserlebnis wie aus dem Bilderbuch und auch der Gottesdienst gab mir Mut und Kraft, ließ mich ruhiger werden.

Der Jugendleiter hatte so etwas schon vermutet und mein Vorsteher hat es total locker und problemlos aufgefasst. Ersterer meinte überzeugt, dass es sich noch ändern wird, so nach dem Motto: Nur keine Sorge, das wird schon! Ich will aber so bleiben, wie ich bin! Und ändern kann es auch keiner! Auch der Älteste deutete zum dritten Mal an, dass es Veranlagung und Neigung gebe. Hallo! Ich habe bereits erwähnt, dass ich mir seit zwei Jahren sicher bin! Er wies aber auch meine beiden Seelsorger darauf hin, dass sie von meiner "momentanen Sichtweise" ausgehen müssten.

Ich war die Letzte, die vom Vorsteher heimgefahren wurde. Er versuchte mir noch einmal klar zu machen, dass es kein Problem für ihn sei und ließ folgenden, altbekannten Männerspruch los: "Bei zwei Frauen macht mir das überhaupt nichts aus, aber bei Männern, ich meine, das könnte ich mir nicht vorstellen."

Am selben Tag war Jubiläum einer Gemeinde unseres Bezirks. Als Altstimme im Jugendchor war auch ich dabei. Anschließend gab es noch Sekt und verschiedene Kleinigkeiten zu essen. Als ich eine Freundin suchte, lief ich an den Stehtischen vorbei. An einem stand auch der Älteste und blickte mir lächelnd entgegen. Er fragte, wie ich mich fühle. "Erleichtert!", strahlte ich.

Cyas und meine Stimmung schaukelte sich gleichzeitig langsam, aber sicher wider aufwärts. Ich lernte in der Szene neue Leute kennen, besuchte die lesbisch- schwulen Filmtage und fühlte mich ausgesprochen wohl unter meinesgleichen.

Eines Abends war mal wieder der Älteste in unserer Mitte. Er überfiel mich mit der Ankündigung eines Hausbesuches von ihm und dem Vorsteher. Eigentlich wollte ich mit dem Outing vor meinen Eltern noch bis nach den Prüfungen warten, um nicht noch mehr Stress und Probleme zu haben, als so schon. Doch ich dachte mir, so eine Gelegenheit kommt so schnell sicher nicht mehr. Der Älteste überrumpelte mich ein weiteres Mal, mit dem Wunsch, ich solle es meinen Eltern sagen, bevor er kommt. "Das kann ich nicht!" Als er jedoch hereinkam, war ich seiner Aufforderung schon gefolgt. Als Unterstützung hatte ich Angela angeheuert. Allein ihre Anwesenheit reichte aus, um mir ein kleinwenig Halt zu geben. Es ist schön zu wissen, dass man jemanden hat, der einem zur Seite steht! Danke, lieber Gott, dass du mir immer jemanden zur Seite gestellt hast, wenn ich Hilfe gebraucht habe und auch jetzt wieder! Auf dich ist immer Verlass! Als ich wusste, dass ich mich nun bald Outen würde, hatte ich meiner Mutter ein Buch über ein transsexuelles Mädchen gegeben, um ihre Toleranz, ihre Akzeptanz und vor allem ihr Verständnis und ihre einseitige Sichtweise zu ändern. Es hatte tatsächlich funktioniert! Vorher hatte sie sich nicht vorstellen können, dass "solche" Leute "normal" sind. Sie hielt sie für psychisch krank. Doch nach dem Leseerlebnis war sie wie ausgewechselt. Danke, himmlischer Vater!

Nach dem Hausbesuch war es spät. Im Bad sprach mich meine Mutter noch mal kurz auf das Outing an. Ich warf ihr vor, dass sie mir ja eh nicht glauben würde und hängte an, wie sch... ich das fände. Sie darauf: "Das habe ich nicht gesagt." "Aber gedacht!" Darauf kam nichts mehr zurück. So frei und gut, wie sich die Jugendlichen in Filmen, Büchern und Erfahrungsberichten nach ihrem Outing fühlen, fühlte ich mich keineswegs. Ich hatte Angst, von meiner Mutter noch mal darauf angesprochen zu werden. Es machte mich traurig und sogar etwas wütend, nicht von ihr ernst genommen zu werden.

Die nächsten Tage drehte sich bei meinen Eltern alles nur um die bevorstehende Matheprüfung. "Du schreibst eine Sechs!" "Wir haben unsere Mittlere Reife, aber du nicht!" "Du bist sowieso zu schlecht!" "Du kannst nichts, wirst nichts, kümmerst dich nicht um dich selbst!" ... "Sei nicht so demotiviert und lerne!" Wie kann ich auch motiviert sein, wenn ihr mich so nieder macht? Ist das eure Art, mein Coming-Out zu verarbeiten? Ein Tag vor der besagten Prüfung war die Englischprüfung. Ich wollte darauf lernen, um noch eine Zwei zu erreichen, doch ich durfte nicht. Die ganzen Tage musste ich Mathematik lernen, weshalb mich glücklicherweise keiner auf mein Coming-Out ansprach.

Mittlerweile nimmt mich meine Mutter ernst. Das freut mich natürlich. Andererseits finde ich es auch sehr enttäuschend, dass es ihr erst eine Freundin, die Astrologie studiert hat, beweisen musste. Anhand einer Grafik, wie die Sterne an meinem Geburtstag, an meinem Geburtsort standen, zeigte sie uns dass ich wirklich diese Veranlagung haben könnte.

Heute gehört die lesbische Tochter zum ganz normalen Alltag, auch wenn selten darüber gesprochen wird. Meine Mutter hat kein Problem damit und lässt mich mit meinen schwulen und lesbischen Freunden ausgehen und an CSD- Paraden teilnehmen.

Den CSD 2005 in Stuttgart konnte nur der Jugendtag mit unserem Stammapostel Leber übertreffen. Ich war eine der Glücklichen, die ihm die Hand gegeben haben und ganz persönlich Segenswünsche erhielten. In dem Moment konnte ich ihm keine einzige Sorge in den Händedruck legen. Das beweist mir einmal mehr, dass der liebe Gott mich lieb hat, für mich sorgt und meine Homosexualität ein wichtiger Teil von mir ist, der mir kein Kreuz auferlegt und keineswegs unnatürlich ist. Ich bin jedem Gotteskind ebenbürtig! Und diese Erkenntnis wünsche ich jedem von uns.


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