Transsexualität - Grundlageninformationen

Im Folgenden geben wir einige Erläuterungen zu häufig gestellten Fragen. (1)

Was ist Transsexualität?

Häufig wird Transsexualität beschrieben als die dauerhafte innere Gewissheit, dem anderen als dem Geburtsgeschlecht anzugehören. Dazu gehöre die Ablehnung der körperlichen Merkmale des angeborenen Geschlechts und der mit dem biologischen Geschlecht verbundenen Rollenerwartungen. Transsexuelle Menschen haben in der Regel den Wunsch, durch hormonelle und chirurgische Maßnahmen soweit als möglich die körperlichen Merkmale des Identitätsgeschlechts anzunehmen. Sie wollen sozial und juristisch anerkannt im gewünschten Geschlecht leben. (2)

Transsexualität ist eine Form der Geschlechtsidentitätsstörungen. Deshalb gibt der im allgemeinen Sprachgebrauch verwendete Begriff "Transsexualität" (3) auch keine Klarheit über das tatsächliche Befinden "transidenter" Menschen. Eigentlich sollte eben von "Transidentität" gesprochen werden. Der Einheitlichkeit in Sprache und (älterer) Literatur wegen wird hier aber darauf verzichtet.

Ursache und Verlaufsbedingungen der Transsexualität sind noch weitgehend ungeklärt. Die medizinische Forschung hat viele Anhaltspunkte dafür gefunden, dass Transsexualität in der pränatalen (vorgeburtlichen) Prägung des fötalen Gehirns ihren Ursprung hat. So z. B. dass während der vorgeburtlichen Entwicklung des betreffenden Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt die zur Bildung der menschlichen Identität erforderliche Ausbildung entsprechender Strukturen des Gehirns nicht der körperlichen Geschlechtsentwicklung folgt. Die heutige Forschung bringt erstaunliche Einblicke in die vorgeburtliche Entwicklung. So entdeckten die Forscher, dass das heranwachsende menschliche Leben sich in vielen Sequenzen immer wieder für eine weiblich oder männlich Entwicklung entscheiden muss. Die medizinische Forschung kennt inzwischen 7 Merkmale eines Menschen, die entweder weiblich oder männlich geprägt sein können. Diese Merkmale finden sich in körperlichen oder seelischen Bereichen, aber auch in der Struktur der Gene. So verwundert nicht die recht hohe Anzahl intersexueller Menschen (Zwitter); oft ist dies den Betroffenen allerdings gar nicht bewusst.

Eine andere Theorie vermutet die Ursache der Transsexualität (4) in der familiären Situation, in der das Kleinkind aufgewachsen ist. Möglicherweise wirken verschiedene Aspekte auch kumulativ.

Die Gesamtzusammenhänge können hier nicht im Detail dargestellt werden. Es wird auf die vorliegende Fachliteratur verwiesen.

Sind von Transsexualität nur Männer betroffen?

Aktuelle Statistiken liegen nicht vor. Jedoch kann man davon ausgehen, dass tatsächlich das Verhältnis der Mann-zu-Frau-Transsexuellen (MzF) (5) gegenüber der Frau-zu-Mann-Transsexuellen (FzM) 1:1 ist. (6)

Ist Transsexualität eine Krankheit?

Die Transsexualität ist keine Krankheit, aber ihre sehr häufigen Folgen, wie Depression und psychosomatische Störungen, haben einen Krankheitswert. Erst diese Folgen machen eine ärztliche Intervention sowie die Kostenübernahme durch soziale Kostenträger notwendig. Transsexuelle Menschen empfinden oft einen erheblichen Leidensdruck, der fast regelmäßig zu solchen Störungen mit Krankheitswert führt. (7) Die Suizidrate ist leider erheblich. Gründe können u.a. das Versagen von medizinischer Hilfe oder gesellschaftlicher Ablehnung im eigenen Umfeld sein.

Transsexualität ist nicht "heilbar". Das transsexuelle Empfinden, also die Überzeugung, dem Gegengeschlecht anzugehören, ist weder therapeutisch noch durch andere Maßnahmen zu beeinflussen. "Umkrempeln der Seele zwecklos", sagte der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Sexualwissenschaft. Man kann den Betroffenen jedoch helfen, in dem man ihnen das Leben in der angestrebten Geschlechterrolle ermöglicht bzw. erleichtert. Fachleute sehen derzeit den Geschlechtsrollenwechsel verbunden mit der körperliche Angleichung als einzige Möglichkeit der Hilfe an.

Wegen der weitreichenden und irreversiblen Folgen hormoneller und chirurgischer Transformationsmaßnahmen besteht im Interesse der Patienten die Notwendigkeit einer sorgfältigen Diagnostik und Differenzialdiagnostik. Die Begleitung und Behandlung transsexueller Menschen erfolgt in Deutschland recht konsequent nach den sog. "Standards of Care", aus denen hier auch einige Formulierungen übernommen wurden.

Wie stellt sich Transsexualität dar?

Transsexuellen Menschen ist weder bei der Geburt noch später äußerlich etwas anzusehen. Auch wenn sich Lebensbeschreibungen im Grunde häufig sehr ähnlich sind, so ist doch jeder transsexuelle Lebensweg sehr individuell. Manchmal sind Kinder in ihrem Verhalten schon auffällig, in dem sie vielleicht eine Vorliebe für Spielzeug haben, das ihrem Geschlecht eigentlich nicht entspricht, ohne dass aber zu diesem Zeitpunkt schon Transsexualität mit Sicherheit zu diagnostizieren ist.

Häufiger wird Jugendlichen während ihrer Pubertät ihre Andersartigkeit bewusst. Es entsteht aus dem Gefühl, eigentlich dem anderen Geschlecht anzugehören, der dringende Wunsch, sich auch so darzustellen. Dies wird bei Gelegenheit dann auch praktiziert. Da jedoch in diesem Lebensabschnitt derartige Gefühle nicht zugeordnet werden können und der temporär geübte Rollenwechsel regelmäßig ein tiefes Schamgefühl zurück lässt, können mitunter an der betroffenen Person von Außenstehenden nicht erklärbare Auffälligkeiten im Verhalten wahrgenommen werden. Häufig vermeiden Pubertierende ohnehin das offene Gespräch mit nahestehenden Erwachsenen, so dass es tatsächlich für Eltern und Seelsorger faktisch nicht möglich ist, die eigentliche Ursache zu erkennen. Nur, wenn z.B. die Mutter oder die Schwester bemerkt, dass die Wäsche nicht wie gewohnt abgelegt ist, könnten sie vielleicht etwas nachdenklich werden ...

Der Leidensdruck ist bei den transsexuellen Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Manche streben bereits in jungen Jahren die völlige Angleichung an das Zielgeschlecht an, andere erst im fortgeschrittenen Alter. Einigen ist es durchaus möglich, ohne somatische Maßnahmen ihr Leben zu gestalten. Hier von einer "Heilung" zu sprechen wäre jedoch völlig verfehlt.

Im Umgang mit transsexuellen Menschen muss "man" sich bewusst machen, dass man es hier oft mit sehr sensiblen, auch schamhaften Menschen zu tun hat. Dies umso mehr in unserem neuapostolischen "Umfeld". Von unserer offenen, (vor-)urteilsfreien Grundhaltung wird es abhängen, ob wir in solch heiklen Situationen Zugang finden zu den transsexuellen Menschen und sie sich getrauen, sich im Gespräch mitzuteilen. An dieser Stelle sei noch einmal betont, die Suizidrate ist erheblich! Deshalb ist die Begleitung durch Experten dringend anzuraten. Jedoch haben nur wenige Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten wirklich Kenntnisse über Transsexualität. Selbsthilfegruppen können wertvolle Hinweise geben und haben Adressen von solchen Fachleuten zur Verfügung.

Wie ist die Möglichkeit der Integration transsexueller Menschen in Familie, Beruf und Nachbarschaft während und nach dem Prozess des Rollenwechsels einzuschätzen?

Nun, die Integration eines transsexuellen Menschen in der dem angestrebten Geschlecht entsprechenden Rolle beginnt schon beim Coming-Out. Dies beginnt zunächst damit, dass der/die Betroffene die Transsexualität für sich selbst akzeptiert. In der Regel empfinden sie ihr Sosein als falsch und sündig. Sie schämen sich vor Gott, vor den Menschen und sich selbst. Sofern der transsexuelle Mensch in seiner gesellschaftlichen Umgebung nicht das sichere Gefühl gewinnen kann, als Mensch akzeptiert zu sein, wird er es wohl sehr lange vermeiden, "aus sich herauszukommen". Er wird aber in dem Maße nach Wegen suchen, sich mitzuteilen, wie sein Leidensdruck zunimmt. Wenn ein Mensch es endlich fertig gebracht hat, sich zu erklären, dann braucht er sofort verständige Hilfe. Der Umgang mit Behörden, Medizinern und Sozialversicherungsträgern lässt diese Hilfe aber häufig vermissen.

Von Betroffenen veröffentlichte Biografien zeugen von unterschiedlichen Erfahrungen bei der Integration transsexueller Menschen in Familie, Beruf und Nachbarschaft während und nach dem Prozess des Rollenwechsels. Gleichwohl kann es natürlich zu erheblichen, für den transsexuellen Menschen gelegentlich ausweglos erscheinenden Schwierigkeiten kommen. Solche Menschen haben bereits einen langen, nach außen hin nicht sichtbaren Leidensweg hinter sich. Wenn sie nun vermuten (müssen), durch Unverstandensein, Spott, Widerstand u.ä. ihr Leben durch das Coming-Out verschlimmert zu haben, dann ist die Situation für die Betroffenen oft ausweglos!

Es darf hier auch nicht verkannt werden, dass die Auswirkungen eines Rollenwechsels auf Partnerschaft und Familie erheblich sind. Hier entstehen "mit einem Mal" gleichgeschlechtliche Partnerschaften, ein für die Partner mitunter unerträglicher Gedanke! Von der vermuteten "Schmach und Schande" mal ganz abgesehen. Deshalb haben Ehen/Partnerschaften in der überwiegenden Anzahl keinen Bestand. Häufig können aber Kinder, besonders vor und nach ihrer Pubertät, mit dem Rollenwechsel des Elternteils recht gut umgehen.

Beachtet werden sollte von transsexuellen Menschen, dass sie ihr Leben in der angestrebten Rolle verantwortungsbewusst vorbereiten sollten.

Und wie ist die Integration in einer neuapostolischen Gemeinde einzuschätzen?

Vielfach ist die Meinung zu hören, dass es wohl an der "bösen Zeit" läge, dass sich jetzt z.B. so viel homosexuelle und transsexuelle Menschen öffentlich zu ihrer Neigung bekennen würden. Dies sei eine "Modeerscheinung", der insbesondere die Kirchen entgegenwirken sollten. Diese Ansicht zeugt von einem tiefen Unverständnis zum einen der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation, die nicht "böse", sondern eben offener geworden ist, und zum anderen auch der historischen Zusammenhänge.

Bezüglich der Homosexualität sei auf die Ausführungen an anderer Stelle dieser Homepage verwiesen. Hinsichtlich der Transsexualität finden sich in der Heiligen Schrift keine Überlieferungen. Hat es die Transsexualität in "biblischen Zeiten" nicht gegeben? Der einschlägigen Literatur ist zu entnehmen, dass es Transsexualität zu allen Zeiten und in allen Kulturen gegeben hat - nur eben nicht bezeichnet durch den Begriff "Transsexualität". Hierzu werden zu einem späteren Zeitpunkt ausführlichere Erläuterungen folgen. Weltweit und in allen Kulturen werden etwa 5% - 10 % homosexuelle und 0,5% transsexuelle Menschen geboren. Heute unterscheidet uns von früheren Zeiten lediglich die größere Offenheit der Menschen im Umgang untereinander.

Die Verfasserin ist der Auffassung, dass Transsexualität nicht Sünde ist. Im neuapostolischen Sprachgebrauch bedeutet Sünde "dem Willen Gottes entgegengesetzt" oder "nicht Gott gewollt".

In Gottes Schöpfung ist in Fauna und Flora ein faszinierender Variantenreichtum zu beobachten. So auch im menschlichen Leben. Akzeptiert sind unter zivilisierten Völkern Varianten in Haar- und Hautfarbe, Sitten und Gebräuchen. Inzwischen akzeptiert man hierzulande auch, dass Linkshänder eben ihre "geschickte" Hand für ihre Verrichtungen einsetzen. Es fällt wirklich schwer, plausibel zu erklären, weshalb der Variantenreichtum gerade das sexuelle Leben nicht erfassen sollte.

Transsexualität ist eine Frage der eigenen Identität. Sie ist nicht eine gewählte, eingeübte oder sonst erworbene sexuelle Praxis. Die Betroffenen haben auch nicht die Möglichkeit, sich aus eigener Kraft und Wahl von den durch die Transsexualität ausgelösten Leiden frei zu machen. Deshalb muss wohl davon ausgegangen werden, dass Gott die Transsexualität für die betroffenen Menschen zugelassen hat.

Kennzeichnend für unser Gemeindeleben sollte der liebevolle Umgang sein, denn das höchste aller Gebote "sei die Liebe", sagte Christus! In diesem Zusammenhang sind auch die Jesus-Worte "Richtet nicht, ..." (Matth. 7,1) zu sehen. Was tun aber in der Realität aufrechte Christen am liebsten? Ihr Urteil führt dann schnell zu einer Ausgrenzung der Gemeindemitglieder, die in ihren Fokus geraten sind. Auf diese Weise gehen den Gemeinden häufig tief gläubige, engagierte Mitglieder verloren.

Wie oben zu anderen Fragen ausgeführt, sind transsexuelle Menschen in der Regel ausgesprochen sensibel. Bevor sie sich zum Rollenwechsel entschlossen haben, haben sie enorme innere Kämpfe ausgefochten. Sie haben auch psychotherapeutische Beratung erfahren. Sie haben sich selbst in Frage gestellt und durch Nachdenken, Gebet, gläubiges Horchen auf Gottes Wort, Beratung und wieder Nachdenken eine Einstellung zu sich selbst wie auch zu ihrer Umwelt gefunden. Ob es Ihnen dabei möglich war, auch den Rat ihrer Seelsorger einzuholen, mag dahin gestellt bleiben. Es wird wohl nur wenige neuapostolische Christen geben, die in gleicher Weise an sich gearbeitet haben.

Deshalb sei hier dringend gebeten:

Habt im Sinne Jesu Christi ein herzliches Erbarmen mit allen Menschen, die in besonderen Lebenskämpfen stehen. Also auch mit Gemeindemitgliedern, deren empfundene Identität von der körperlichen Gestalt abweicht.

In dieses Erbarmen sind in gleicher Weise Partnerinnen und Partner sowie die Familien mit einzubeziehen. Soll aus diesem Erbarmen eine sachdienliche Hilfe erwachsen, ist es erforderlich, sich selbst weitgehend sachkundig zu machen. In einer wirklich vertrauensvollen Umgebung werden transsexuelle Menschen zu jeder Auskunft bereit sein. Sie wollen nicht durch Mitleid erdrückt werden. Sie sollten aber wie alle Gemeindemitglieder die Möglichkeit haben, an allen Gemeindeaktivitäten entsprechend ihrer Gaben und Fähigkeiten uneingeschränkt mitwirken zu können.

Fußnoten

  • 1: Hinsichtlich der Fragen zur Integration in der Gesellschaft und im Gemeindeleben resultieren die Ausführungen zum Teil aus den Erfahrungen der Verfasserin aus ihrer aktiven Tätigkeit in ihrer Gemeinde, zum Anderen aus ihren Befürchtungen, weil sie ihren Rollenwechsel zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Erläuterungen selbst noch nicht vollzogen hatte. Insofern fehlen eigene Erfahrungen. Deshalb müssen nicht alle Aussagen von allen Lesern geteilt werden.
  • 2: s. "Standards of Care" (deutsch): Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, der Akademie für Sexualmedizin und der Gesellschaft für Sexualwissenschaft, 1997, Sophinette Becker, Hartmut A. G. Bosinski, Ulrich Clement, Wolf Eicher, Thomas M. Goerlich, Uwe Hartmann, Götz Kockott, Dieter Langer, Wilhelm E Preuss, Gunter Schmidt, Alfred Springer, Reinhard Wille.
  • 3: Der Sexualwissenschaftler Harry Benjamin hat 1953 den Begriff "Transsexualität" geprägt.
  • 4: Eine ausführliche und aktuelle populärwissenschaftliche Erklärung ist in dem Buch : "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" von Allan & Barbara Pease, ISBN 3-548-35969-8 zu finden . Hier wird über Männer und Frauen, und über weltweite Ursache- Forschungen u.a. auch zur Transsexualität berichtet.
  • 5: Mann-zu-Frau-Transsexuelle sind solche Menschen, die mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurden. Frau-zu-Mann-Transsexuelle wurden mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen geboren und streben das Leben in der männlichen Rolle an. Die Formulierung verweist auf das angestrebte Wunschgeschlecht.
  • 6: Im Zeitraum 1981-1990 wurden im Gebiet der ehemaligen BRD 1422 Fälle von Transsexualität anerkannt, davon führten 733 eine Personenstandsänderung durch (Große Lösung), die übrigen 683 lediglich eine Vornamensänderung (Kleine Lösung). Die MzF Transsexualität war dabei 2,3 mal häufiger als FzM (Susanne Osburg, Cordula Weitze - 1993)
  • 7: s. weiterführende Inforationen: Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. , www.dgti.org , "Medizinisches" > "Diagnose" > "transsexuelles Syndrom".

Nächste Treffen:

4.-6. Mai 2018 : Münster (Deutschland)

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